Urteil nach Schnellverhandlung
Das Moskauer Stadtgericht verurteilte am 8. Januar 2026 den 58-jährigen Historiker und ehemaligen Universitätsdozenten Dmitri Kolker zu 12 Jahren Freiheitsentzug in einer Strafkolonie mit strengem Regime. Das Urteil fiel unter Vorsitz der Richterin Irina Skorobogatowa im Gerichtsgebäude am Bogorodski Val 8, Moskau. Die Verhandlung dauerte lediglich drei Tage. Die Anklage lautete auf „wiederholte Verbreitung von wissentlich falschen Informationen über die Tätigkeit der Streitkräfte der Russischen Föderation“ nach Artikel 207.3 Absatz 2 des Strafgesetzbuches.
Vorgeworfene Inhalte in Online-Vorlesungen
Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Ankläger Alexej Nefedow, führte als Beweismittel eine Reihe von Online-Vorlesungen an, die Kolker zwischen März und September 2025 auf seinem persönlichen YouTube-Kanal veröffentlicht hatte. In diesen Vorträgen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bezog sich Kolker laut Anklageschrift auf die Zahl von „über 350.000 russischen Soldaten, die in der Ukraine getötet oder verwundet wurden“ und bezeichnete die militärische Operation als „einen der größten außenpolitischen Fehler der postsowjetischen Ära“. Die genannten Zahlen widersprechen offiziellen Angaben des russischen Verteidigungsministeriums, das zuletzt im September 2025 von „knapp 6.000 Gefallenen“ sprach.
Verteidigung und Reaktionen
Kolkers Anwältin, Swetlana Sidorkina, kündigte umgehend Berufung beim Obersten Gericht an. Sie erklärte, die Beweisführung beruhe ausschließlich auf einer linguistischen Expertise der staatlichen Agentur „FakeHunter“, die den Inhalt der Videos analysiert habe. „Die Vorlesungen meines Mandanten waren historische Analysen, keine Nachrichtenmeldungen. Artikel 207.3 ist nicht auf wissenschaftliche Diskurse anwendbar“, sagte Sidorkina nach dem Urteil. Kolker selbst, der seit seiner Verhaftung am 15. Oktober 2025 in Untersuchungshaft saß, wies in seinem Schlusswort auf einen Präzedenzfall hin: „Im Jahr 2023 erhielt der Politiker Ilja Yashin 8,5 Jahre unter demselben Artikel für Aussagen zu den Ereignissen in Butscha. Mein Fall ist eine logische Eskalation.“
Hintergrund: Verschärfte Gesetzeslage seit 2022
Der Artikel 207.3 („Verbreitung von Falschinformationen über die Armee“) wurde am 4. März 2022, neun Tage nach Beginn der militärischen Operation in der Ukraine, in Eilverfahren von der Staatsduma verabschiedet und von Präsident Wladimir Putin unterzeichnet. Die Strafandrohung beträgt bis zu 15 Jahre Haft. Seitdem wurden nach Angaben der Menschenrechtsgruppe „OWD-Info“ über 350 Personen nach diesem Artikel verurteilt, darunter Blogger, lokale Politiker und Privatpersonen. Das Urteil gegen Kolker ist das erste, das einen akademischen Historiker für Inhalte trifft, die explizit als historische Lehrveranstaltung gekennzeichnet waren. Die Moskauer Staatliche Universität, an der Kolker bis 2023 lehrte, distanzierte sich bereits im November 2025 in einer Stellungnahme von seinen „privaten, nicht mit der Universität abgestimmten Aktivitäten“.
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