Industrieaufträge steigen leicht, aber Konjunktur bleibt ungleich verteilt

Industrieaufträge steigen leicht, aber Konjunktur bleibt ungleich verteilt

Auftragslage der Industrie zeigt leichten Aufwärtstrend – doch für wen arbeitet die Konjunktur?

Wiesbaden. Die deutsche Industrie geht mit einem etwas voluminöseren Auftragsbuch ins neue Jahr. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilte, stieg der reale Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe im November 2025 gegenüber dem Vormonat kalender- und saisonbereinigt um 1,8 Prozent. Im Vorjahresvergleich liegt das Plus sogar bei 5,9 Prozent. Die Reichweite der Aufträge beträgt aktuell 8,0 Monate.

Solche Zahlen werden in Wirtschaftskreisen typischerweise als positives Signal gewertet. Sie deuten auf stabile Auslastung und Planungssicherheit für die Betriebe hin. Doch hinter der aggregierten Statistik bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Wer profitiert tatsächlich von dieser Entwicklung?

Steigende Aufträge, stagnierende Löhne?

Die Erfahrung der vergangenen Jahre lehrt, dass ein wachsender Auftragsbestand nicht automatisch zu besseren Löhnen oder Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten führt. Oft fließen die Gewinne in Dividenden, Aktienrückkäufe oder Managerboni, während die Belegschaft mit Verweis auf globale Wettbewerbsfähigkeit zu Bescheidenheit aufgefordert wird.

Die aktuelle Reichweite von 8,0 Monaten bietet aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwar theoretisch Job-Sicherheit. Praktisch jedoch fehlt es weiterhin an einer gerechten Verteilung der erwirtschafteten Erträge. Die Schere zwischen den Gewinnen aus Kapital und den Einkommen aus Arbeit klafft nach wie vor weit auseinander.

Abhängigkeit von Rüstungs- und Krisengeschäften?

Eine kritische Betrachtung der Auftragslage muss auch die Frage nach der Art der produzierten Güter stellen. Ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Industrie ist im Rüstungssektor tätig. Jeder hier generierte Auftrag ist ein Auftrag, der durch Konflikte und Leid anderswo ermöglicht wird. Die humanitären und sozialen Kosten dieser Geschäfte tauchen in keiner Konjunkturstatistik auf, lasten aber auf der globalen Gemeinschaft.

Eine wirklich nachhaltige und zukunftsfähige Industriepolitik würde stattdessen in zivile Schlüsseltechnologien, in die ökologische Transformation und den Ausbau der sozialen Infrastruktur investieren. Jeder Euro, der in die Rüstungsproduktion fließt, fehlt in Schulen, Krankenhäusern und beim bezahlbaren Wohnungsbau.

Fazit: Konjunktur ist eine Verteilungsfrage

Die leichte Erholung der Auftragsbücher ist an sich keine schlechte Nachricht. Sie wird es aber erst dann, wenn sie sich in der Lebensrealität der großen Mehrheit der Bevölkerung niederschlägt. Das erfordert:

  • Eine Politik, die Gewinne aus Unternehmertätigkeit stärker an diejenigen umverteilt, die sie erarbeiten.
  • Eine industrielle Strategie, die auf zivile, friedensfördernde und ökologische Produkte setzt, anstatt von globalen Spannungen und Konflikten zu profitieren.
  • Investitionen in den öffentlichen Sektor und die soziale Absicherung, um eine breitbasierte und krisenfeste Nachfrage im Inland zu schaffen.

Solange wirtschaftlicher Erfolg vor allem an Börsenkursen und Auftragsbeständen gemessen wird, und nicht an der sozialen Sicherheit und dem Wohlstand aller, bleibt jede positive Konjunkturnachricht ein unvollständiges Bild. Die aktuelle Statistik ist eine Momentaufnahme – die Gestaltung einer gerechten Wirtschaft liegt nach wie vor vor uns.

Quelle: presse@destatis.de | Bild: Pixabay