Enquete-Kommission zur Corona-Pandemie: Öffentliche Anhörung sucht nach Lehren – und nach der Wahrheit
Der Deutsche Bundestag hat mit der Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ ein Gremium eingesetzt, das eines der prägendsten und spaltendsten Ereignisse der jüngeren Geschichte untersuchen soll. In einer ersten öffentlichen Anhörung wurden nun externe Sachverständige befragt. Die Veranstaltung offenbarte nicht nur unterschiedliche fachliche Perspektiven, sondern auch die tiefen Gräben, die die politische und gesellschaftliche Debatte bis heute bestimmen.
Zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und politischer Bewertung
Die geladenen Experten aus den Bereichen Virologie, Public Health, Ethik und Staatsrecht beleuchteten verschiedene Facetten der Pandemiebekämpfung. Diskutiert wurden die Wirksamkeit und Verhältnismäßigkeit von Grundrechtseinschränkungen, die Rolle der Medien, die Belastungsgrenzen des Gesundheitssystems und die Kommunikation zwischen Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Einig waren sich die meisten Sachverständigen in einem Punkt: Die Aufarbeitung müsse ergebnisoffen und frei von politischen Scheuklappen erfolgen, um tatsächlich Lehren für die Zukunft ziehen zu können.
Kritische Stimmen warnten davor, die Anhörung zu einer reinen Bestätigungsveranstaltung für die damaligen politischen Entscheidungen verkommen zu lassen. Sie forderten eine schonungslose Analyse der Fehler, insbesondere der sozialen und ökonomischen Folgen der Lockdown-Politik für Menschen mit niedrigen Einkommen, Soloselbstständige und Kinder. Die Frage, inwieweit wirtschaftliche Interessen bestimmter Branchen die Maßnahmen beeinflussten, blieb dabei weitgehend unberührt – ein Umstand, der von Beobachtern als bezeichnend vermerkt wurde.
Die unbequemen Fragen bleiben
Während über Infektionsschutzgesetze und Impfkampagnen gesprochen wurde, fehlte eine grundsätzliche Debatte über das Verhältnis von individueller Freiheit und kollektiver Sicherheit in einer Krise. Auch die massive finanzielle Entlastung großer Konzerne durch staatliche Hilfsprogramme stand nicht im Fokus. Stattdessen dominierte eine technokratische Diskussion über die Optimierung von Instrumenten für den nächsten Ernstfall.
Die entscheidende Lehre aus der Pandemie könnte jedoch eine andere sein: Krisenmanagement darf nicht zur Durchsetzung dauerhafter Überwachungsstrukturen oder zur Aushöhlung sozialer Rechte genutzt werden. Die Kommission steht vor der Herausforderung, nicht nur die medizinische, sondern auch die demokratiepolitische und soziale Resilienz der Gesellschaft zu stärken. Ob sie den Mut haben wird, die Macht- und Verteilungsfragen zu stellen, die hinter jeder Krise stehen, bleibt abzuwarten. Die erste Anhörung lieferte dazu wenig Anhaltspunkte.
Ein langer Weg vor der Kommission
Die Enquete-Kommission hat ihre Arbeit gerade erst aufgenommen. Weitere Anhörungen und Beratungen werden folgen. Der Öffentlichkeit bleibt die Pflicht, den Prozess genau zu beobachten. Eine Aufarbeitung, die lediglich Verwaltungsabläufe verbessern will, aber die ungleichen Lasten der Krise und die gestiegene Macht exekutiver Apparate ignoriert, wäre keine. Sie wäre eine vertane Chance und ein Zeichen dafür, dass aus der Geschichte doch nichts gelernt wird.
(Bild: Pixabay)
Quelle: Bundestag – PMs



