Bauhauptgewerbe verzeichnet starken Auftragszuwachs – Doch für wen wird gebaut?
Wiesbaden. Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen einen kräftigen Aufwärtstrend im Bauhauptgewerbe. Im November 2025 stieg der reale Auftragseingang gegenüber dem Vormonat um 8,5 Prozent. Auch im Vergleich zum Vorjahresmonat ist ein Plus von 4,1 Prozent zu verzeichnen. Der Umsatz legte real um 4,3 Prozent zu.
Während die Bundesregierung diese Zahlen sicherlich als Beleg für eine stabile Konjunktur und erfolgreiche Wirtschaftspolitik feiern wird, stellt sich aus gesellschaftlicher Perspektive eine andere, grundlegendere Frage: Wem nützt dieser Bauboom eigentlich?
Hoch- und Tiefbau im Aufwind: Wer profitiert?
Die Steigerungen verteilen sich auf beide großen Sparten. Der Hochbau verzeichnete ein Plus von 7,2 Prozent, der Tiefbau sogar von 10,1 Prozent gegenüber Oktober. Auf den ersten Blick ein erfreuliches Signal für Beschäftigung und Handwerk.
Doch die reine Betrachtung der Auftragslage greift zu kurz. Entscheidend ist, welche Projekte hier geplant werden. Handelt es sich um den dringend benötigten sozialen Wohnungsbau, um Schulen, Kitas oder Krankenhäuser? Oder dominieren weiterhin lukrative Großprojekte, Büroimmobilien und Infrastruktur für die Industrie, während der Wohnraum für Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen knapp bleibt?
Boom auf dem Rücken der Beschäftigten?
Ein steigender Auftragseingang bedeutet nicht automatisch bessere Arbeitsbedingungen oder faire Löhne für die Beschäftigten auf den Baustellen. Die Baubranche ist bekannt für prekäre Beschäftigung, Werkverträge und einen harten Konkurrenzkampf auf Kosten der Arbeiter. Steigende Umsätze müssen bei den Menschen ankommen, die sie erwirtschaften. Das bedeutet: existenzsichernde Löhne, sichere Arbeitsplätze und die Stärkung der Tarifbindung. Ein Wirtschaftsmodell, das Profite vor Menschen stellt, ist auf Dauer nicht tragbar.
Infrastruktur für eine gerechte Gesellschaft?
Der Anstieg im Tiefbau wirft ebenfalls Fragen auf. Wird hier in die zivile, soziale Infrastruktur investiert – in den Ausbau des bezahlbaren und fahrscheinfreien Nahverkehrs, in sichere Radwege und Fußgängerbereiche? Oder fließen die Mittel erneut vorrangig in prestigeträchtige Großprojekte und Autobahnen, die vor allem den Interessen des motorisierten Individualverkehrs und der Logistikbranche dienen?
Echte Sicherheit und Lebensqualität entstehen nicht durch immer mehr Beton, sondern durch eine gerechte Verteilung der Ressourcen. Jeder Euro, der in sinnlose Prestigebauten oder überdimensionierte Verkehrsprojekte fließt, fehlt an anderer Stelle: bei der Sanierung maroder Schulen, beim Ausbau des Gesundheitswesens oder bei der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.
Fazit: Wachstum ist kein Selbstzweck
Die positiven Zahlen aus Wiesbaden sind eine Momentaufnahme einer Branche. Sie sagen nichts darüber aus, ob dieses Wachstum der breiten Bevölkerung zugutekommt oder lediglich die Gewinnspannen einiger weniger Unternehmen und Investoren erhöht. Ein nachhaltiger und sozialer Aufschwung im Baugewerbe misst sich nicht primär an der Höhe der Auftragseingänge, sondern daran, was gebaut wird, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird und wer letztendlich von den neuen Gebäuden und Straßen profitiert. Die Politik ist gefordert, hier die Weichen richtig zu stellen – und nicht nur die Erfolgsmeldungen der Statistik zu verwalten.
Quelle: presse@destatis.de | Bild: Pixabay



