Bei landesweiten Protesten gegen ein neues Finanzgesetz der Regierung sind in Kenia mindestens 17 Menschen getötet und über 300 verletzt worden. Die heftigsten Zusammenstöße ereigneten sich am 8. Januar 2026 in der Hauptstadt Nairobi, wo die Polizei nach Augenzeugenberichten scharfe Munition gegen Demonstranten einsetzte.
Chronologie der Ereignisse
Die Proteste begannen am Vormittag des 8. Januar 2026 in Nairobi, Mombasa, Kisumu und Nakuru. In Nairobi versammelten sich nach Angaben der Organisatoren der Bewegung „Haki Yetu“ („Unser Recht“) über 50.000 Menschen im Central Business District. Gegen 14:30 Uhr Ortszeit versuchten Demonstranten, Absperrungen vor dem Parlamentsgebäude in der Parliament Road zu durchbrechen. Die kenianische Polizei (National Police Service) setzte Tränengas, Wasserwerfer und nach mehreren unabhängigen Augenzeugen, darunter Journalisten von Citizen TV und Nation Media Group, auch scharfe Munition ein.
Das Kenyatta National Hospital in Nairobi meldete die Aufnahme von 214 Verletzten, 12 davon mit Schusswunden. Das Mama Lucy Kibaki Hospital behandelte 89 weitere Personen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Kenya bestätigte bis zum Abend des 9. Januar 17 Todesfälle im Zusammenhang mit den Protesten, die meisten in Nairobi. Unter den Getöteten ist der 24-jährige Student Kevin Otieno. Die Polizeisprecherin Resila Onyango bestätigte die Todesfälle, nannte jedoch eine niedrigere Zahl und sprach von „bedauerlichen Vorfällen im Chaos“.
Auslöser: Das umstrittene Finanzgesetz
Auslöser der Proteste ist der „Finance Bill 2026“, den das Parlament unter Führung von National Assembly Speaker Moses Wetang’ula am 2. Januar 2026 in erster Lesung verabschiedet hatte. Das Gesetz sieht neue oder erhöhte Steuern auf grundlegende Güter vor, darunter eine 16%ige Mehrwertsteuer auf Brot und Milch, eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer um 8 KSh pro Liter sowie eine digitale Steuer auf Geldtransfers über mobile Plattformen wie M-Pesa. Finanzminister Mithika Linturi begründete die Maßnahmen mit einem Haushaltsdefizit von 713 Milliarden Kenia-Schilling (ca. 5,2 Mrd. Euro).
Die Protestbewegung „Haki Yetu“ wird von einer Koalition aus Gewerkschaften wie der Central Organization of Trade Unions (COTU), Studentenverbänden und zivilgesellschaftlichen Gruppen wie der Kenya Human Rights Commission (KHRC) angeführt. Ihre Sprecherin, die Anwältin Njeri Kabeberi, forderte am 9. Januar den vollständigen Rückzug des Gesetzesentwurfs.
Historischer Hintergrund
Die aktuellen Proteste erinnern an die gewaltsamen Auseinandersetzungen um die umstrittene Wahl im August 2022, bei denen laut offiziellen Berichten über 50 Menschen starben. Das derzeitige Finanzgesetz folgt auf den „Finance Act 2023“, der trotz ähnlicher Proteste verabschiedet wurde und bereits zu Preissteigerungen führte. Die Inflationsrate in Kenia lag im Dezember 2025 laut Kenya National Bureau of Statistics bei 9,8%. Die Regierung von Präsident William Ruto, der im September 2022 sein Amt antrat, steht seitdem wegen der steigenden Lebenshaltungskosten in der Kritik.
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