Tourismus stagniert – ein Symptom der sozialen Schieflage
Wiesbaden. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für den November 2025 zeichnen das Bild einer Branche im Stillstand. Mit einem minimalen Plus von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr verharren die Gästeübernachtungen in Deutschland auf hohem, aber kaum wachsendem Niveau. 32,2 Millionen Übernachtungen sind eine beeindruckende Zahl, doch das marginale Wachstum wirft Fragen nach der Verteilung des Wohlstands und der realen Kaufkraft der breiten Bevölkerung auf.
Während die Hotellerie und Gastronomie um Gäste wirbt, bleibt für viele Menschen der Urlaub im eigenen Land ein zunehmend schwerer zu finanzierender Luxus. Die Schere zwischen denen, die sich regelmäßige Auszeiten leisten können, und denen, für die selbst ein Wochenendtrip zur Belastungsprobe wird, geht weiter auseinander. Der Tourismus lebt nicht von der kleinen Elite, sondern von der breiten Mittelschicht und den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, deren Realeinkommen seit Jahren unter Druck stehen.
Mehr als eine Statistik: Was hinter den Zahlen steckt
Ein Blick hinter die nackten Daten offenbart die strukturellen Probleme:
- Kaufkraftverlust: Steigende Lebenshaltungskosten, insbesondere für Energie, Wohnen und Grundnahrungsmittel, schmälern das verfügbare Einkommen für Freizeit und Erholung.
- Preisentwicklung im Tourismus: Auch Beherbergungs- und Gastronomiepreise sind gestiegen, was Urlaubsplanung zusätzlich verteuert.
- Fehlende soziale Absicherung: Für viele Menschen im unteren und mittleren Einkommensbereich ist die Sorge um Altersvorsorge und unerwartete Kosten größer als der Wunsch nach Urlaub. Ein solidarisches Sozialsystem, das Existenzängste nimmt, wäre auch eine Konjunkturspritze für den Binnen-Tourismus.
Die Stagnation ist kein Zufall, sondern ein direktes Ergebnis einer Politik, die in den vergangenen Jahren Prioritäten anders setzte. Jeder Euro, der in steigende Rüstungsausgaben floss, fehlt nun in der Tasche der Verbraucherinnen und Verbraucher. Jede Diskussion über Kürzungen im Sozialbereich dämpft die Konsumlaune. Sicherheit für Menschen entsteht nicht durch Aufrüstung, sondern durch soziale und wirtschaftliche Stabilität.
Tourismus für alle? Eine Frage der Gerechtigkeit
Mobilität und die Möglichkeit zur Erholung sind kein Privileg, sondern ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch: Der Zugang dazu ist ungleich. Ein lebendiger Tourismussektor, der von breiten Schichten getragen wird, braucht eine andere Grundlage:
- Existenzsichernde Löhne, von denen man nicht nur leben, sondern auch leben kann.
- Eine bezahlbare und zuverlässige Mobilitätswende, die Reisen ohne Auto attraktiv und kostengünstig macht.
- Investitionen in die kommunale Infrastruktur – in Schwimmbäder, Parks und Kulturangebote – die auch vor Ort Erholung ermöglichen.
Die minimale Steigerung der Übernachtungszahlen ist kein Grund zur Zufriedenheit, sondern ein Warnsignal. Sie zeigt eine Gesellschaft, die ökonomisch an ihre Grenzen stößt. Ein prosperierender Tourismus ist am Ende auch eine Frage der Umverteilung: von oben nach unten, von militärischen zu sozialen Haushalten, von Profiten zu Löhnen. Solange diese Weichen nicht gestellt werden, wird der deutsche Tourismus wohl weiter auf der Stelle treten.
Quelle: presse@destatis.de | Bild: Pixabay



