Mittelstand und Handwerk: Wachsende Belastung durch Bürokratie und Fachkräftemangel

Die Last des Mittelstands und Handwerks: Eine Analyse aktueller Herausforderungen

Der deutsche Mittelstand und das Handwerk, oft als Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet, sehen sich einer wachsenden Zahl struktureller Probleme gegenüber, die ihre Existenz und Entwicklung maßgeblich beeinträchtigen. Aktuelle Berichte der letzten sieben Tage verdeutlichen, dass insbesondere Bürokratie, ein akuter Fachkräftemangel und ungelöste Nachfolgefragen die Betriebe an ihre Grenzen bringen.

Bürokratie: Ein wachsender Hemmschuh für unternehmerische Freiheit

Die Bürokratiebelastung für mittelständische Unternehmen hat in Deutschland ein historisches Ausmaß erreicht. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass 82 Prozent der befragten Mittelständler angeben, dass die zunehmende Bürokratie ihren Geschäftserfolg negativ beeinflusst – der höchste Wert seit Herbst 2013. Im Handwerk berichten sogar 74 Prozent der Betriebe von einer Zunahme des bürokratischen Aufwands in den letzten Jahren.

  • **Zeitliche und finanzielle Belastung:** Die administrativen Pflichten binden erhebliche Ressourcen. In Österreich, wo vergleichbare Herausforderungen bestehen, werden jährlich rund 70 Millionen Arbeitsstunden für bürokratische Tätigkeiten aufgewendet, was etwa 42.190 Vollzeitäquivalenten entspricht. Die jährlichen finanziellen Bürokratiekosten belaufen sich dort auf rund 4,3 Milliarden Euro, wovon 2,6 Milliarden Euro interne und 1,7 Milliarden Euro externe Kosten sind. Dies entspricht etwa 3,3 Prozent des Umsatzes der Unternehmen.
  • **Auswirkungen auf den Geschäftsalltag:** Die steigende Bürokratie führt zu erhöhten Rechtsberatungskosten, verzögerten Entscheidungsprozessen und erschwerten Kundenbeziehungen. Besonders belastend sind ständige Anpassungen an neue gesetzliche Regelungen, die von 76 Prozent der Handwerksbetriebe als größter Faktor genannt werden, gefolgt vom Aufwand für Nachweis- und Dokumentationspflichten (54 Prozent).
  • **Demotivation für Selbstständigkeit:** Die erdrückende Bürokratie macht die Selbstständigkeit im Handwerk zunehmend unattraktiv; 58 Prozent der Betriebe sehen dies als Folge der Belastung.
  • **Politische Forderungen:** Experten und Branchenvertreter, wie ZDH-Präsident Jörg Dittrich, fordern daher eine konsequente Entlastung von unnötiger Bürokratie, um die Leistungs-, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe zu sichern. Die Politik müsse schnell und entschlossen handeln, um zu verhindern, dass Bürokratie zu einer Transformationsbremse wird.

Fachkräftemangel: Die Achillesferse der Branche

Der Fachkräftemangel hat sich zu einer existenziellen Bedrohung für viele mittelständische Betriebe und Handwerksunternehmen entwickelt und spitzt sich im Jahr 2025 weiter zu. Tausende Stellen bleiben unbesetzt, Aufträge müssen abgelehnt werden, und das Wachstum vieler Unternehmen stagniert.

  • **Alarmierende Zahlen:** Bis 2025 fehlen im Handwerk voraussichtlich über 150.000 Fachkräfte. Die Zahl der offenen Stellen in Handwerksberufen stieg von durchschnittlich 218.547 im Jahr 2023 auf 219.969 im Jahr 2024 leicht an. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) beziffert die Fachkräftelücke im Handwerk auf 24.967, zusätzlich sind 12.467 Unternehmensnachfolgen in den nächsten fünf Jahren ausstehend und durchschnittlich 1.967 Ausbildungsplätze unbesetzt.
  • **Branchenübergreifende Betroffenheit:** Mittlerweile sind acht von zehn Betrieben von Personalproblemen betroffen, vor 15 Jahren war es noch jeder zweite Betrieb. Besonders ausgeprägt sind diese Sorgen im Baugewerbe.
  • **Ursachen und Abwanderung:** Neben alternden Belegschaften und sinkenden Geburtenraten ist ein entscheidender Faktor, dass Beschäftigte in Engpassberufen – wie im Handwerk – häufiger ihren Job verlassen und in Bereiche mit weniger Personalengpässen wechseln. Dies ist oft auf schlechte Arbeitsbedingungen und zu geringe Löhne zurückzuführen. Zwischen 2022 und 2023 verließen etwa 191.000 Personen den Engpassbereich, während nur 167.000 neue hinzukamen. Dieser Personalabfluss verschärft den Fachkräftemangel zusätzlich.
  • **Forderungen:** Um diesem Trend entgegenzuwirken, sind laut Experten höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Aufstiegschancen in den Mangelberufen unerlässlich. ZDH-Präsident Jörg Dittrich betont zudem die Notwendigkeit, die berufliche Bildung zu stärken und finanziell gleichwertig wie akademische Bildung zu fördern.

Nachfolgeprobleme: Eine tickende Zeitbombe für den Mittelstand

Die Unternehmensnachfolge entwickelt sich zu einer der größten Herausforderungen für den deutschen Mittelstand. Jährlich werden schätzungsweise 40.000 Unternehmen in Deutschland an die nächste Generation übergeben, doch nur ein Bruchteil davon verläuft reibungslos.

  • **Eklatante Lücke:** Den bundesweit rund 9.600 übergabebereiten Unternehmen stehen lediglich etwa 4.000 potenzielle Nachfolger gegenüber. Diese Lücke zwischen Angebot und Nachfrage hat sich seit 2019 nahezu verdoppelt.
  • **Drohende Betriebsschließungen:** Mehr als ein Viertel der aktuellen Inhaber erwägt bereits eine vollständige Schließung ihres Betriebs. Hochgerechnet könnten innerhalb der nächsten zehn Jahre bis zu 250.000 Betriebe verloren gehen, darunter auch viele wirtschaftlich gesunde Unternehmen.
  • **Folgen für Gesellschaft und Region:** Die Auswirkungen reichen über die einzelnen Unternehmen hinaus: Leere Geschäfte in Innenstädten, Attraktivitätsverlust von Regionen und das Wegbrechen regionaler Versorgungsstrukturen sind die Konsequenzen.
  • **Hintergrund der Probleme:** Die Nachfolgeproblematik ist primär demografisch bedingt, da über 70 Prozent der Übergeber altersbedingt handeln. Doch auch die anhaltende Rezession, wirtschaftliche Unsicherheit und die bereits erwähnte Bürokratie schrecken potenzielle Nachfolger ab. Eine besondere Rolle spielen auch traditionelle Rollenbilder, die Frauen oft nicht als erste Wahl für die Nachfolge sehen, obwohl Studien belegen, dass von Frauen geführte Unternehmen tendenziell nachhaltiger, wirtschaftlicher und innovationsfreudiger agieren.
  • **Lösungsansätze:** Zur Sicherung der Unternehmensnachfolge sind eine verbesserte Planung, stärkere Netzwerke und gezielte Kommunikation entscheidend. Auch die Förderung von Existenzgründerinnen und die Stärkung des Unternehmertums in der Bildung könnten die Nachfolgelücke maßgeblich schließen.

Bild: KI-Generiert (Symbolbild)


Redaktion (30.11.2025) – Wirtschaftsstimme