Kanadas riskantes Spiel: Die Pazifik-Pipeline als Symbol eines gespaltenen Landes


Fokus-Land heute: Kanada

Ein historischer Pakt mit Sprengkraft

Kanada steht an einem Scheideweg. Inmitten wachsender globaler Unsicherheiten und des Drucks, die Wirtschaft zu diversifizieren, haben Premierminister Mark Carney und Albertas Premierministerin Danielle Smith eine Absichtserklärung unterzeichnet, die den Bau einer über 1.000 Kilometer langen Ölpipeline zum Pazifik vorsieht. Dieses Vorhaben, das täglich eine Million Barrel Öl aus Albertas riesigen Ölsandvorkommen zu einem Exportterminal an der Westküste transportieren soll, wird als entscheidender Schritt zur Reduzierung der Abhängigkeit von den USA und zur Erschliessung neuer asiatischer Märkte gefeiert. Doch der Pakt hat bereits eine politische Krise ausgelöst und offenbart tiefe Gräben in der kanadischen Gesellschaft.

Hintergründe einer strategischen Neuausrichtung

Kanada, der viertgrösste Ölproduzent der Welt, hat traditionell über 90 Prozent seiner Ölexporte in die Vereinigten Staaten geliefert. Diese einseitige Abhängigkeit ist jedoch durch die protektionistische Handelspolitik unter US-Präsident Donald Trump, insbesondere durch die Einführung hoher Zölle auf kanadische Waren, zunehmend zu einem strategischen Nachteil geworden. Die neue Pipeline soll es Kanada ermöglichen, sein Öl direkt nach Asien zu verschiffen und damit seine globale Position als Energielieferant zu stärken. Premierminister Carney lobte die Vereinbarung als Massnahme, die Kanada stärker und unabhängiger machen werde. Für Alberta, die ölreichste Provinz des Landes, bedeutet die Pipeline die lang ersehnte Möglichkeit, ihre riesigen Ölsandreserven, die zu den grössten der Welt gehören, besser zu vermarkten und nicht länger von einem einzigen Käufer abhängig zu sein.

Die Akteure und ihre Positionen

Im Zentrum dieser innenpolitischen Debatte stehen Premierminister Mark Carney, der die wirtschaftliche Notwendigkeit der Diversifizierung betont, und Albertas Premierministerin Danielle Smith, die als vehemente Verfechterin der Öl- und Gasindustrie ihrer Provinz auftritt. Die Vereinbarung sieht vor, dass die Bundesregierung eine mögliche Pipeline von einem bestehenden Tanker-Moratorium an der Küste und einer Emissions-Obergrenze für den Öl- und Gassektor ausnehmen wird. Im Gegenzug verpflichtet sich Alberta, die industrielle CO2-Bepreisung zu erhöhen und in ein milliardenschweres Kohlenstoffabscheidungsprojekt zu investieren.

Doch der Preis für diesen Pakt ist hoch. Nur Stunden nach der Ankündigung trat Steven Guilbeault, Kanadas Minister für kanadische Identität und Kultur und ehemaliger Umweltminister, aus Protest von seinem Amt zurück. Guilbeault, ein bekannter Umweltaktivist, begründete seinen Rücktritt mit seiner tiefen Besorgnis über die Umweltauswirkungen des Projekts und das Fehlen einer Konsultation mit den indigenen Völkern und der Regierung von British Columbia. Auch David Eby, der Premierminister von British Columbia, äusserte scharfe Kritik. Er warnte vor möglichen Umweltschäden, ausufernden Kosten und der noch fehlenden Routenplanung der Pipeline.

Gespaltene Meinungen und ungewisse Zukunft

Die Stimmung im Land ist gespalten. Während in Alberta die Energiebranche die Vereinbarung mit Optimismus begrüsst und auf dringend benötigte Investitionen hofft, ist der Widerstand von Umweltschützern und vielen indigenen Gemeinschaften an der Pazifikküste heftig. Sie werfen der Regierung vor, ihre Klimaschutzziele aufs Spiel zu setzen und die Ölindustrie zu stärken, während die fatalen Folgen des Klimawandels – wie die grossen Waldbrände in Kanada im Jahr 2025 – immer deutlicher werden. Indigene Gruppen, insbesondere die Coastal First Nations, lehnen das Projekt entschieden ab und befürchten eine Zerstörung ihrer Lebensweise. Sie beklagen zudem die mangelnde Konsultation.

Die Herausforderungen sind immens: Bislang hat sich kein Privatunternehmen bereit erklärt, den Bau der Pipeline zu finanzieren. Zudem sind in der Vergangenheit bereits mehrere Pipeline-Projekte in Kanada am Widerstand von Umweltschützern und indigenen Gruppen gescheitert. Die Pazifik-Pipeline ist somit mehr als nur ein Infrastrukturprojekt; sie ist ein Lackmustest für Kanadas Fähigkeit, wirtschaftliche Ambitionen mit Umweltverantwortung und den Rechten der indigenen Bevölkerung in Einklang zu bringen. Der Weg zur «Energiesupermacht» ist gepflastert mit innenpolitischen Konflikten und birgt ein erhebliches politisches Risiko für die Regierung Carney.

Symbolbild: Pixabay / wal_172619


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