Leverkusen stellt sich gegen Autobahnausbau: Ein Gutachten als Waffe der Vernunft?
Die Stadt Leverkusen geht in die Offensive gegen die Pläne der bundeseigenen Autobahn GmbH für einen massiven Ausbau der A1 und A3. Wie jetzt bekannt wurde, hat die Stadt ein unabhängiges Fachgutachten bei der Technischen Universität Wien in Auftrag gegeben. Ziel ist es, die wahren Kosten des Mammutprojekts offenzulegen – nicht nur die finanziellen, sondern vor allem die sozialen, ökologischen und gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung.
Hinter der technischen Ankündigung verbirgt sich ein bemerkenswerter Konflikt: Hier stellt sich eine Kommune gegen die Planungen einer mächtigen Bundesbehörde und des Verkehrsministeriums. Leverkusen weigert sich, die vorgelegten Ausbaupläne einfach hinzunehmen, und stellt die entscheidende Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Ist dieser gigantische Eingriff in das Stadtgefüge, der mit Sicherheit zu jahrelangen Belastungen durch Lärm, Dreck und Verkehrschaos führen wird, überhaupt notwendig?
Die wahren Kosten: Mehr als nur Beton und Asphalt
Das Gutachten soll systematisch erfassen, was in den offiziellen Kostenschätzungen des Bundes regelmäßig unter den Tisch fällt:
- Die gesundheitlichen Belastungen durch verschlechterte Luftqualität und permanenten Lärm für die Anwohner:innen.
- Die ökologischen Schäden für Stadtklima und lokale Ökosysteme.
- Die Auswirkungen auf die Stadtentwicklung und den sozialen Zusammenhalt in den betroffenen Vierteln.
- Die Frage, ob die städtischen Klimaziele mit diesem Projekt überhaupt noch zu erreichen sind.
Dieser Ansatz ist erfrischend klar: Er stellt das Wohl der Menschen, die in dieser Stadt leben und arbeiten, über die scheinbare Sachlogik eines rein auf Verkehrsfluss getrimmten Bundesprojekts. Es ist ein Kampf um Prioritäten. Jeder Euro, der in immer mehr Autobahnen fließt, fehlt an anderer Stelle: in Schulen, Krankenhäusern, im bezahlbaren Wohnungsbau und im Ausbau eines wirklich sozialen und ökologischen Nahverkehrs.
Verkehrswende oder Betonierung der Vergangenheit?
Die Leverkusener Initiative wirft ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Problem der deutschen Verkehrspolitik. Statt mutig in die Zukunft einer multimodalen, umweltfreundlichen und sozial gerechten Mobilität zu investieren, wird weiter das alte Modell der autozentrierten Stadt zementiert – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Versprechen von Entlastung durch neuen Ausbau erweisen sich oft als Luftnummer, während die Zersiedelung und die Abhängigkeit vom Individualverkehr weiter zunehmen.
Die Forderung der Stadt, zu prüfen, ob „ein geringerer, stadtverträglicherer Ausbau die verkehrlichen Ziele ebenso erfüllen kann“, ist daher mehr als nur eine technische Nachfrage. Sie ist eine Einladung zu einer vernünftigen Debatte, die über Leverkusen hinausweist. Wann hören wir endlich auf, Verkehrspolitik primär aus der Perspektive der Auto- und Bauindustrie zu machen, und beginnen, sie aus der Perspektive der Menschen in den Städten und Gemeinden zu denken?
Das Gutachten aus Wien wird für Ende des Jahres erwartet. Es wird zeigen, ob die Belange der Leverkusener Bevölkerung gegen die Interessen der mächtigen Planungsbürokratie und der von Großprojekten profitierenden Konzerne Gehör finden. Ein Lehrstück für Bürger:innenbeteiligung und kommunalen Widerstand – oder ein weiteres Beispiel dafür, wie lokale Anliegen von Bundesebene übergangen werden. Leverkusen hat die Messlatte gelegt. Nun ist zu hoffen, dass andere Städte diesem Beispiel folgen.
Quelle: Stadt Leverkusen | Bild: Pixabay



