Siegfried und Mimer

Es war einmal ein junger Recke namens Siegfried, der sich eines Tages entschied, seine heimatliche Burg zu verlassen, da er das Leben dort für zu langweilig empfand. Ohne ein Wort des Abschieds an seine Eltern zu richten, machte er sich früh morgens auf den Weg in die Ferne.

Seine Reise führte ihn rheinaufwärts, in Richtung der fernen, blauen Berge, die schon seit seiner Kindheit seine Sehnsucht geweckt hatten. Unbekümmert um ein bestimmtes Ziel trieb es ihn weiter, bis er schließlich die Höhen des Siebengebirges erreichte, in dessen wilden Bergschluchten und furchterregenden Felsklüften er sich vollkommen zu Hause fühlte, denn Furcht kannte Siegfried nicht.

Auf seinem Weg durch das Siebengebirge erblickte er plötzlich aufsteigenden Rauch über den Baumwipfeln, die ein wildes Felstal umgaben. Neugierig folgte er dem Rauch und gelangte schließlich zu einer Schmiede, aus deren Esse ein mächtiges Feuer loderte.

In dieser Schmiede lebte Mimer, ein äußerst geschickter und berühmter Waffenschmied, aber auch ein sehr unangenehmer Mann. Siegfried betrat die Schmiede und erklärte, er wolle ebenfalls ein Schmied werden. Die Gesellen konnten sich ein Lachen nicht verkneifen, als sie den jungen Burschen sahen. Das erzürnte Siegfried, und er schlug mit seinem Stock auf sie ein, so dass die jungen Männer schnell in der Werkstatt umherrollten. Mimer, alarmiert durch den Lärm, nahm Siegfried unter seine Fittiche.

Als Siegfried zum Amboss trat und selbst schmieden wollte, gelang es ihm mit einem einzigen Schlag, den schwersten Eisenstab zu zerbrechen und den mächtigen Amboss tief in den Boden zu rammen.

Von nun an fürchteten Mimer und seine Gesellen den kräftigen Siegfried sehr und überlegten, wie sie ihn loswerden könnten. Eines Tages sagte Mimer zu Siegfried: “Uns sind die Kohlen ausgegangen; du musst heute zur hohen Wand am Rhein gehen und Kohlen brennen.” Siegfried gehorchte und erreichte schnell die markierte Stelle. Er riss eine junge Eiche heraus, die ihm als Schürbaum dienen sollte, und errichtete in kürzester Zeit einen Kohlenmeiler. Als er sich unter einer Linde im Schatten ausruhte, tauchte plötzlich ein schrecklicher Lindwurm auf und griff ihn an. Siegfried jedoch wehrte sich tapfer mit seinem Schürbaum und tötete das Ungeheuer schließlich. Die Vögel auf den Baumwipfeln riefen ihm zu:

“In seinem Blut und Fett badet dich allein, Und, Jung Siegfried, du wirst hörner’n sein.”

Siegfried folgte ihren Anweisungen, badete in dem Blut und Fett des Lindwurms. Ein Lindenblatt jedoch fiel auf seine linke Schulter, weshalb er an dieser Stelle keine Hörner bekam. Mit dem abgeschlagenen Kopf des Lindwurms zog er weiter und kehrte tapfer nach Hause zurück. Als die Gesellen von Mimer ihn von weitem kommen sahen, wussten sie nicht, wohin sie sich verstecken sollten. Mimer selbst trat Siegfried mit falscher Freundlichkeit entgegen, doch Siegfried wartete nicht auf seinen Gruß, sondern erschlug den Verräter und all seine Handlanger.

Danach schmiedete er sich Schild und Schwert und begab sich auf Abenteuer.

Quelle: Aeg. Müller, Der Siegkreis I, S. 201.

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