Bürgerschaftliches Engagement als Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts: Eine Analyse des „Zukunftspakts Ehrenamt“
Das Ehrenamt, lokale Vereine und die Pflege von Brauchtum sind unverzichtbare Säulen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland maßgeblich prägen. Sie bilden einen „Kitt“, der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Einkommensschichten zusammenführt und lokale Identität stiftet. Aktuelle politische Initiativen versuchen, diese essenziellen Strukturen zu stärken, doch die zugrundeliegenden Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf die soziale Gerechtigkeit und die strukturelle Unterstützung von unten, bleiben bestehen.
Der „Zukunftspakt Ehrenamt“ als Reaktion auf wachsende Herausforderungen
Die Bundesregierung hat mit dem „Zukunftspakt Ehrenamt“ und einem begleitenden Steueränderungsgesetz 2025 Maßnahmen auf den Weg gebracht, um das bürgerschaftliche Engagement zu entlasten und zu würdigen. Diese Neuerungen, die voraussichtlich zum 1. Januar 2026 in Kraft treten sollen, umfassen unter anderem die Erhöhung der steuerfreien Übungsleiterpauschale auf 3.300 Euro und der Ehrenamtspauschale auf 960 Euro jährlich. Zudem werden Haftungsprivilegien für Ehrenamtliche erweitert und die Freigrenzen für steuerpflichtige wirtschaftliche Geschäftsbetriebe kleiner Vereine auf 50.000 Euro angehoben. Für Vereine mit Einnahmen bis 100.000 Euro entfällt zukünftig die Pflicht zur zeitnahen Mittelverwendung, was als Bürokratieabbau gewertet wird. Die Anerkennung von E-Sport als gemeinnützig sowie die Möglichkeit für Vereine, Photovoltaikanlagen zu betreiben, ohne die Gemeinnützigkeit zu gefährden, ergänzen das Maßnahmenpaket.
Diese Schritte sind insofern bedeutsam, als sie direkt Individuen und kleine Organisationen unterstützen, deren Einkommen und finanzielle Mittel oft unter denen des obersten Drittels der Gesellschaft liegen. Eine Anhebung der Pauschalen und eine Vereinfachung administrativer Prozesse können dazu beitragen, dass mehr Menschen, unabhängig von ihrer finanziellen Situation, sich engagieren können und bestehendes Engagement nicht an bürokratischen Hürden oder finanziellen Risiken scheitert.
Grenzen der Wertschätzung und die Notwendigkeit struktureller Umverteilung
Während die Absicht, ehrenamtliches Engagement zu stärken, grundsätzlich positiv zu bewerten ist, muss kritisch hinterfragt werden, ob solche Maßnahmen die tiefgreifenden Herausforderungen umfassend adressieren. Berichte wie die ZDF-Dokumentation „37°Leben: Ehrenamt am Limit“, die ab dem 28. November 2025 verfügbar ist, beleuchten die Realität vieler Ehrenamtlicher, die an ihre Grenzen stoßen. Sie zeigen, dass die Belastung oft hoch ist und die Ressourcen der Engagierten erschöpft sein können. Insbesondere in ländlichen Regionen kämpfen Vereine zunehmend mit Mitgliederschwund und der Gewinnung von Nachwuchs. Dies betrifft nicht nur die soziale Interaktion, sondern auch die Aufrechterhaltung grundlegender Angebote, die in den Kommunen oft von bürgerschaftlichem Engagement getragen werden, wo staatliche oder kommunale Leistungen sich zurückziehen.
Aus einer kritischen Perspektive gegenüber mächtigen Strukturen erscheint die Stärkung des Ehrenamts als eine notwendige, aber potenziell unzureichende Antwort auf tieferliegende soziale Ungleichheiten. Soziale Gerechtigkeit erfordert nicht nur eine Würdigung des Engagements, sondern auch eine substanzielle Umverteilung von oben nach unten, um die materiellen Grundlagen für ein solches Engagement zu sichern. Wenn Vereine und Initiativen in ländlichen Räumen dort einspringen müssen, wo Staat und Kommune Leistungen der Daseinsvorsorge nicht mehr erbringen können, ist dies ein Indikator für strukturelle Defizite. Der „Zukunftspakt Ehrenamt“ kann als ein Schritt in die richtige Richtung interpretiert werden, indem er die individuelle Last minimiert. Dennoch darf er nicht von der Notwendigkeit ablenken, eine umfassende soziale Infrastruktur durch eine gerechte Finanzierung zu gewährleisten, die über symbolische Gesten hinausgeht und die Verantwortung für gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht primär auf das Ehrenamt abwälzt.
Bürgerschaftliches Engagement als Brückenbauer in einer polarisierten Gesellschaft
Das bürgerschaftliche Engagement hat das Potenzial, gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden und Vertrauen zu schaffen. Es ist das Fundament einer lebendigen Demokratie und fördert demokratisches Handeln im Alltag. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung und ökonomischer Unsicherheiten sind lokal verwurzelte Vereine und Initiativen unverzichtbar, um Menschen über soziale und kulturelle Grenzen hinweg zu verbinden. Eine echte Stärkung dieser Strukturen bedeutet daher nicht nur steuerliche Erleichterungen, sondern auch eine politische Haltung, die ihren Wert als Frühwarnsystem und als Motor für soziale Gerechtigkeit anerkennt und systematisch fördert. Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) trägt mit ihren Angeboten zur Förderung, Vernetzung und Beratung einen wichtigen Teil dazu bei, diese Strukturen zu unterstützen. Eine langfristige und nachhaltige Stärkung des Ehrenamts bedarf jedoch einer kontinuierlichen politischen Anstrengung, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt und die gesellschaftliche Solidarität durch konkrete, umverteilende Maßnahmen von oben nach unten stärkt, anstatt lediglich Symptome zu lindern.
Bild: KI-Generiert (Symbolbild)
Redaktion (29.11.2025) – Vereinsmeier




